DIE ENTWICKLUNG – ALLES ANDERE ALS GERADLINIG

Als die Freiburger Querdenker GmbH vor zehn Jahren den ersten BaumInvest-Fonds auflegte, um im Norden Costa Ricas brachliegende Flächen mit Edelhölzern aufzuforsten, schien zunächst klar, um was es geht: um ein ökologisch ausgerichtetes Projekt, das auch die Wahrung der heimischen Natur und das Wohl der MItarbeiter vor Ort im Blick hat. Gesucht waren „langfristig orientierte Anleger mit ökologischem und sozialem Engagement“.
So weit, so gut.
Doch was seither auf den inziwschen rund 3000 Hektar Land entstanden ist, die mit Geldern vorwiegend deutscher Investoren aufgekauft wurden, geht über die anfänglichen Pläne weit hinaus. Von Anfang an wurden Entscheidungen revidiert, das Konzept weiter entwickelt und zum Teil auf den Kopf gestellt. Querdenker eben.
So waren die vergangenen Jahre von zahlreichen Weggabelungen geprägt, die alle dazu geführt haben, den Mehrwert für die Natur, die Menschen vor Ort und die hiesigen Gesellschafter zu vergrößern. Die treibende Kraft: Leo Pröstler, Initiator und Geschäftsführer von BaumInvest, und sein Sohn Stefan.

Weg von Teak, hin zum Mischwald
2007 wurde ein externer Aufforster beauftragt, auf der Finca San Rafael die ersten Bäume zu pflanzen. Stefan Pröstler sollte das Projekt nur für eine Weile vor Ort begleiten und mit auf den Weg bringen. Doch bald schon stellte er die bisherigen Verfahren in Frage und schlug vor, neue Wege zu gehen. Schließlich nahm er als Geschäftsführer von Puro Verde Paraíso Forestal S.A., kurz Puro Verde, die Aufforstung im Auftrag der BaumInvest-Fonds selbst in die Hand.
Zu Beginn wurden auf San Rafael kleine Parzellen in Monokultur angepflanzt. 100 auf 100 Meter Teak, daneben die gleiche Fläche Roble Coral, dann wieder Teak im Wechsel mit Almendro, dem „Baum des Lebens“, wie die Costa Ricaner sagen. „Ich habe gesehen, dass diese Art der Aufforstung nichts mit einem heimischen Mischwald zu tun hat und sie bereits 2008 über den Haufen geworfen“, sagt Stefan Pröstler heute.

So begann er, schnell wachsende Pionierbäume wie den Cebo direkt neben langsamer wachsende Harthölzer wie Mahagoni oder Roble Coral zu pflanzen. Das naturnahe Aufforstungskonzept mit heimischen Baumarten und einem kleineren Teak-Anteil verringert die Gefahr, dass Bäume von Schädlingen befallen werden, und bietet Lebensraum für verschiedenste Arten.
Der Mischwald bringt einen weiteren Vorteil: In ganz Mittelamerika soll ein Biokorridor geschaffen werden, um isolierte Regenwaldreste wieder miteinander zu verbinden. „Da reihen sich die Aufforstungen von BaumInvest hervorragend ein“, erklärt Olman Murillo Gamboa, Professor am Instituto Tecnólogico de Costa Rica. Frösche, Schlangen, eine Vielzahl bunt schillernder Schmetterlinge und die Brüllaffen, die mit lautem Geschrei ihr Revier markieren, sind sicht- und hörbarer Beweis. In der Nacht gehen sogar Puma und Jaguar auf die Jagd.

Prof. Dr. Marc Hanewinkel leitet den Lehrstuhl für Forstökonomie und Forstplanung an der Universität Freiburg.

Was ist das Problem mit Teak, Herr Hanewinkel?

Teak kommt aus Südostasien. Die Bäume wachsen in Costa Rica sehr gut, sind dort aber fremd. Wenn ein auf die Art spezialisierter Schädling die Teakmonokulturen befällt, dann haben Sie ein Problem. Dazu kommt, dass Teak im Moment sehr gut am Markt ankommt. Solche Moden können sich aber ändern. Wenn die Art auf einmal nicht mehr so gefragt ist, dann haben Sie auch ökonomisch ein Problem. Und selbst wenn alles gut geht, wird das Holz über weite Strecken nach Südostasien verfrachtet, dort verarbeitet und taucht danach als Möbel auf dem europäischen Markt auf. Das ist auch von der CO₂- Bilanz her nicht günstig.

BaumInvest setzt auf Mischwald …
Wenn man sieht, wie sich die Artenvielfalt entwickelt, ist das ein Riesenunterschied gegenüber den Teakfl ächen. Jetzt gilt es, Märkte für diese Bäume zu schaffen. Es bedarf noch einiger Forschungsarbeiten, aber ich bin überzeugt, dass diese Art der Aufforstung eine hervorragende Alternative zu Monokulturen ist.

Zierpflanzen als Antwort auf die Finanzkrise
Doch dann kam die Lehmann-Pleite. Würde sie auch deutsche Banken mit in den Abgrund ziehen? Waren die Gelder, mit denen die Aufforstung finanziert werden sollte, auf der Bank noch sicher? Die Investoren wollten sich darauf nicht verlassen. Die Antwort auf die Krise hieß Cuna. Es handelte sich um eine heruntergekommene Zierpflanzenfarm, die 2010 mit Hilfe eines Kredits von BaumInvest gekauft und renoviert wurde. Auf 40 Hektar Land werden seither Drachenbäume ökologisch gezogen und nach Europa verkauft. Die Investoren haben ihr Geld krisenfest angelegt, und auf Cuna konnten die Arbeitsplätze gesichert und die Infrastruktur verbessert werden. 2015 kam eine zweite Finca hinzu, die wie die erste lokal betrieben wird.

Feldbau zwischen den Bäumen
Ackerfrüchte auf den aufgeforsteten Flächen zu kultivieren, war von Anfang an Teil des Konzepts. Was aber würde Sinn ergeben? Nur ein oder zwei Produkte zu erzeugen, diese aber in großen Mengen? Beispielsweise Bohnen, eines der Grundnahrungsmittel in Costa Rica, für den heimischen Markt? Oder doch Früchte wie z.B. Ananas für die Europäer? Auch hier bestimmte Vielfalt die Planung. Heute wachsen zwischen den Bäumen unter anderem Tomaten, Bohnen, Paprika, Tiquisque, Maracuja, Ingwer, Kakao, Kaffee, Mais und Kräuter.

Der VisionsWald
Auf der Finca Tierras Buenas gab es einmal ein gut funktionierendes Dorf, das aber mangels Erträgen aufgegeben wurde. Mit Hilfe von Gründungspartnern konnten Stefan und Leo Pröstler die Finca kaufen. Sie gaben ihr den Namen „Visions-Wald“, weil sie dort – mitten im Regenwald – das alte Dorf zu neuem Leben erwecken und zeigen wollen, wie man mit und vom Regenwald leben kann. Dabei dient die Finca seither als eine Art Freiluftlabor, in dem alle Elemente, die im Projektverbund umgesetzt werden sollen, zunächst erprobt und optimiert werden. Nicht zuletzt steht Tierras Buenas für Klimaschutz.

Schweine, Rinder, Hühner, Bienen
Die Entscheidung, Tiere zu halten und damit auch Fleisch, Eier und Honig zu erzeugen, ist eher einer glücklichen Fügung geschuldet. 2010 bekam Stefan Pröstler zum Geburtstag ein Schwein geschenkt. „Und jetzt?“, fragte er sich. Auf San Rafael ließ er einen Stall mit offenem Auslauf bauen. Die Arbeiter besorgten einen Eber. Schon startete die kleine Schweinezucht. Mittlerweile gibt es 150 Tiere und ständig frisches Fleisch. Es ist nicht biozertifiziert, aber die Schweine werden unter besten Bedingungen gehalten und mit Futter von den eigenen Feldern gefüttert.
Auch die Hühnerzucht hat eine beachtliche Dimension erreicht. Jeden Monat werden einige hundert Hühner schlachtreif und tausende Eier erzeugt. Gefüttert wird mit Maulbeeren aus dem eigenen Waldfeldbau, den Würmen

aus dem selbst erzeugten Kompost und konventionellem Maisschrot aus der Region.
Rinder auf der Weide zu halten ist in Costa Rica selbstverständlich. Auf den Fincas Jabillos, Tierras Buenas, El Concho und Cuatro Bocas stehen über 200 Tiere, so dass jede Woche ein paar Bullen geschlachtet und vermarktet werden können.
Milchwirtschaft gibt es keine. Die Kälber trinken die Milch der Mutterkühe, eine artgerechtere Haltung gibt es kaum. Zu Milch und Gras gibt es ausschließlich selbst erzeugte Mais-Silage.
Die Tierhaltung hat einen zentralen Nebeneffekt: Mit dem Mist der Tiere wird der Boden verbessert. Wie in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft ist die Tierhaltung ein integraler Bestandteil des ganzheitlichen Konzepts.
Die 50 Bienenstöcke auf der Finca San Rafael wiederum liefern zwischen 50 und 100 Liter Honig im Monat. In den Trockenperioden etwas weniger, wenn es dagegen ausreichend regnet und alles blüht, etwas mehr. Dabei haben die Betreiber von der Natur gelernt: Die ersten Stöcke standen im VisionsWald. Weil diese Finca von Regenwald umgeben ist, gibt es dort gleich mehrere Vogelarten, die den Bestand dezimierten.
Verantwortlich für Hühner, Schweine und Rinder ist ein eigens dafür gegründetes Unternehmen: die Puro Verde Pecuario. Sie pachtet Flächen von BaumInvest, kann auf die gleichen Buchhalter zurückgreifen und durch derartige Synergien für alle Beteiligten Kosten sparen. Betriebswirtschaftler bezeichnen dies als Win-Win-Situation.

Kleinbauern werden integriert
Kleinbauern in den Projektverbund zu integrieren ist ein zentrales Ziel. 2011 wurden die ersten eingeladen, Land auf der Finca Las Delicias zu pachten und zwischen Cebo- und Almendro-Setzlingen Bohnen anzubauen. Die Pacht betrug zwei Sack Bohnen pro Hektar.
15 Bauern haben mitgemacht und insgesamt 80 Hektar Land beackert. Die Ernte wurde zum Teil von den Bauern selbst vermarktet, zum Teil von Puro Verde angekauft

und den Mitarbeitern beziehungsweise seit 2014 im neuen „Supermercado“ verkauft. Diese erste Zusammenarbeit endete 2016, weil sich das Kronendach geschlossen hatte, weitere Projekte sind aber bereits angestoßen: Pfeffer für den Partner Lebensbaum oder Maracuja für die PuroVerde eG. Für alle neu geplanten Produkte baut die Genossenschaft derzeit die Wertschöpfungskette auf, um das Risiko für die Kleinbauern gegen null zu senken. Sie kann dabei auf die Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre zurückgreifen.

GingerVerde: Ingwer für den europäischen Markt
2012 wurde ein Produkt gewählt, das als erstes für den Export nach Deutschland bestimmt war: Ingwer. Unter dem Namen GingerVerde wird die Knolle seither als biozertifiziertes Mehrfruchtsaftgetränk verkauft und steht als Botschaftergetränk für den Projektverbund. 2014 wurde es auf der Messe Biofach zum „Best New Product“ in der Kategorie Getränke gekürt. GingerVerde wird neben Ingwer aus Äpfeln, Orangen, Limetten, Sanddorn und Maracuja hergestellt.

Dieser Erfolg ist umso bemerkenswerter, weil 2012 die Ingwer-Kulturen auf mehreren Fincas von der Ralstonia befallen worden sind. Das Bakterium verursacht eine Braunfäule und kann so ganze Ernten vernichten. Inzwischen ist Puro Verde dazu übergegangen, den Ingwer zunächst im Labor und in sterilen Gewächshäusern zu ziehen. Erst wenn er stark genug ist, kommt er auf den Acker. Außerdem wird nach den Prinzipien der Permakultur gearbeitet, damit sich die Kulturen gegenseitig stärken.

Der Puro Verde Supermercado zur Selbstversorgung der Region
Die Arbeiter, ihre Familien und Bewohner der an die Fincas angrenzenden Dörfer mit guten Lebensmitteln zu versorgen, ist ein erklärtes Ziel von Puro Verde. In den ersten Jahren fuhr ein Angestellter deshalb mit dem Auto von Finca zu Finca und verkaufte die frischen Produkte direkt vor Ort – rund ein Drittel billiger als im normalen Laden.
Um den Verkauf zu professionalisieren, wurde 2014 ein eigener Supermarkt eröffnet, der Puro Verde Supermercado. Vergleichbar

einem Hofladen bietet er alles, was im Projektverbund erzeugt wird: Tomaten, Paprika, Tiquisque, Bohnen, Honig, Eier, Schweine-, Hühner-, und Rindfleisch. „Wir haben zwar kein Biozertifikat“, sagt Carlos Sequeira Sibaja, zuständig für die Supermärkte des Projektverbunds, „aber wir verzichten bei unseren eigenen Produkten auf Wachstumshormone, Antibiotika, Pestizide und weitgehend auf künstliche Düngemittel.“ Damit die Anwohner das Angebot auch annehmen, bietet der Laden von Waschmitteln bis zu Motorradschläuchen ein Vollsortiment.

5000 Schüler bekommen ein warmes Mittagessen
Seit 2016 profi tieren auch 5000 Schüler aus zwei Distrikten im Norden Costa Ricas vom Projektverbund. An Schultagen bekommen sie über die Schulmensa ein warmes Mittagessen – hergestellt aus hochwertigen Zutaten aus dem Projektverbund. Der Mensabetrieb für die eigenen Mitarbeiter wurde dagegen auf allen Fincas wieder eingestellt. „Die Leute kaufen zwar gerne in unserem Supermarkt“, stellt Stefan Pröstler fest, „sie kochen aber doch

lieber selbst, weil sie dadurch ein wenig sparen können.“
Mit all diesen Ideen, Seitensträngen und Neu-Ausrichtungen hat sich ein umfangreiches Modellprojekt entwickelt. Ihm gehören zehn Firmen in Deutschland und Costa Rica mit über 100 festangestellten Mitarbeitern, mehreren hundert assoziierten Kleinbauern und 3000 Hektar Land an. 1000 Hektar sind mit über einer Million zumeist heimischen Bäumen aufgeforstet worden. Überall steht der Nutzen für die Natur, die Menschen und das Klima im Vordergrund.

Deutscher CSR-Preis 2014
Davon zeugen auch mehrere Auszeichnungen: 2011 wurde BaumInvest als erstes Finanzprodukt als „Ausgewählter Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet. 2014 folgte der „Deutsche CSR-Preis“ in der Kategorie „Biodiversität“, 2015 der Neumarkter Lammsbräu Nachhaltigkeitspreis.

Dass es soweit kam, ist alles andere als selbstverständlich: „Die Entwicklung verlief wesentlich vielfältiger als ich es erwartet habe“, bilanziert Uli Drescher, Anleger bei BaumInvest 1 bis 3 und Vorstand der Stiftung FuturoVerde, „es ist ein lernendes, exploratives Projekt, das gerade dadurch eine multiplikative Wirkung für andere hat.“

Ideen pflanzen

Neue Ideen der Aufforstung, Landwirtschaft und Finanzierung sind die Basis für nachhaltige Entwicklung.

Wirtschaft ändern

Transformationeffekte für Wirtschaft und Gesellschaft bewirken und langfristige Perspektiven schaffen.

Zukunft ernten

Der Plattform beitreten und mitgestalten, um das Plus für kommende Generationen zu verwirklichen.